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Portrait of Marcel Duchamp, 3 leads
von Brian O’Doherty

Eine Untersuchung von Heike Helfert

Die Erhaltung von Kulturgut erfordert aufgrund der Vielfältigkeit der verwendeten Materialien und Ausdrucksformen mehr denn je eine tiefere Kenntnis von den Objekten. Entscheidend für den Erhalt des Werkes ist der Charakter, den es zu bewahren gilt. Authentizität drückt sich nicht unbedingt durch die Originalität der Materialien aus, sondern fußt auf der Identität und Integrität eines Werkes.

Zitat



U m ein Konservierungskonzept für ein Objekt zu entwickeln und Möglichkeiten der Wiederaufführbarkeit einschätzen und überprüfen zu können, ist es notwendig, dessen inhaltliche und technische Grundlagen zu ermitteln und zu beschreiben.

Das Werk »Portrait of Marcel Duchamp, 3 leads« des irisch-amerikanischen Künstlers Brian O’Doherty entstand 1966 in New York und befindet sich heute in der Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart. Um eine Konservierungsstrategie für das Werk zu entwickeln wurden umfassende Informationen gesammelt und bewertet. Einige Aspekte der Recherche zu dem Werk werden hier mit Zeichnungen und Funktionsskizzen vorgestellt.

Das Werk besteht äußerlich aus einem rechteckigen Holzgehäuse, das auf der Frontseite mit einem Element versehen ist, das drei runde und vier längliche Fenster abbildet. Dabei handelt es sich augenscheinlich um eine umgebaute Wasserwaage.

Die Fenster sind geschwärzt, sodass kein Licht durchscheint, und mit einer schmalen lichtdurchlässigen Linie versehen. Die länglichen Flächen zeigen eine ruhende horizontale Linie, die runden Elemente einen gezackten Linienverlauf, wie bei einem Elektrokardiogramm.


© 2017 Heike Helfert



Im Inneren der Skulptur ist eine Leuchtstofflampe verbaut. Vor der Lichtquelle läuft angetrieben durch einen Elektromotor eine Endlosfilmschlaufe, die nur an wenigen Stellen lichtdurchlässige vertikale Schlitze hat. Durch den technischen Aufbau ist nachvollziehbar, dass der Betrachter in eingeschaltetem Zustand von vorne einen bzw. mehrere Lichtpunkte zu sehen bekommt, die regelmäßig von einer in die andere Richtung wandern und in den runden Fensterausschnitten dem gezackten Verlauf der Linie folgen, ähnlich einer Herzspannungskurve. Mit diesem Aufbau ist es dem Künstler gelungen, den Eindruck des Kardiogramms künstlerisch umzusetzen. Das Objekt vermittelt einen live-Charakter, ohne ein Oszilloskop zu benötigen, das die medizinisch relevanten Daten visualisiert.


  • © 2017 Heike Helfert
  • © 2017 Heike Helfert
  • © 2017 Heike Helfert
  • © 2017 Heike Helfert
  • © 2017 Heike Helfert



Für das Werk »Portrait of Marcel Duchamp, 3 leads« hat Brian O’Doherty die Ebene der aufwendigen Medizintechnik verlassen und einfache Materialien geschickt eingesetzt, um den Eindruck einer laufenden Herzspannungskurve zu erzielen. Eine handelsübliche Leuchtstofflampe, ein kleiner Elektromotor, ein Rollfilm ohne Bilder und eine entkernte Wasserwaage dienen ihm dabei als wesentliche Ausgangsmaterialien.

Der Künstler hat den größten Teil dieser Elemente nicht sichtbar im Inneren des Objektes verbaut. Von Außen wahrnehmbar ist nur die manipulierte Wasserwaage in ihrem hölzernen Gehäuse. Die technischen Elemente des Werkes sind bewusst verborgen. Es geht um den äußeren Anschein, nicht um die technische Raffinesse der Konstruktion. Sichtbar ist eine herzkurvenähnliche Linie, vermeintlich gezeichnet durch kontinuierlich laufende Lichtpunkte. Technisch gesehen zeichnet jedoch nicht die Ablenkung des Lichtpunktes die Linie, sondern eine in die Fenster der Wasserwaage eingeritzte, also bereits präparierte Linie wird Stück für Stück hinterleuchtet und erzeugt so den gewünschten visuellen Eindruck. In endloser Wiederholung wird hier eine unveränderliche Kurve nachgezeichnet, die symbolhaft die Vitalität des Herzschlages abbildet.

© 2017 Heike Helfert Schaltplan

Die besondere Ausdruckskraft des Werkes liegt in der konzeptuellen Stärke dieser offensichtlichen Künstlerversion eines Oszilloskops. Das vermeintliche Pulsieren der Herzkurve in seinem immer wiederkehrenden Takt vermittelt den Eindruck der unerschütterlichen Präsenz des Portaitierten. Zumindest kann es beim Betrachter den Anschein erwecken, Zeuge seiner essenziellen Lebensäußerung, dem Puls des Herzens zu sein. Ein wissenschaftliches Instrument wurde hier zum künstlerischen Instrument umgewandelt, mit dessen Hilfe Duchamp auch über seinen Tod hinaus weiter lebt. Auf der Materialebene wird dieser Effekt durch bewegte Lichtpunkte erzeugt. Sie entstehen aus einem Zusammenspiel von Lichtquelle, Elektrobauteilen, einer Bandschleife mit lichtdurchlässigen Schlitzen und der umfunktionierten Wasserwaage als Sichtfenster.



Diskrepanz / Abweichung / Missverhältnis

Als Grundlage für die Entwicklung eines konservatorischen Maßnahmenplanes dient die Einschätzung der Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen materiellen Zustand des Werkes und der ursprünglich intendierten Wirkung. Der Grad der Abweichung kann durch die Untersuchung des physischen Zustandes eines Werkes und den damit verbundenen Einbußen der Werkaussage ermittelt werden. Dies erfordert die genaue Kenntnis des eigentlichen Sinngehaltes des Werkes. Die wesentlichen Faktoren, die zur Beurteilung der Abweichung herangezogen werden sollten, werden im »Decision-Making Model for the Conservation and Restoration of Modern and Contemporary Art« der Foundation for the Conservation of Modern Art/Netherlands Institute for Cultural Heritage beschrieben. Idealerweise zählen dazu neben der Einschätzung des Künstlers die Historizität, Authentizität und Funktionalität des Kunstwerkes sowie ästhetische und künstlerische Faktoren.

Schaubild: Decision Making Model © 2017 Heike Helfert



Restaurierungsfragen
Bei der Beurteilung und Interpretation des Werkes »Portrait of Marcel Duchamp, 3 leads« spielt die Frage danach, wer die einzelnen Elemente gebaut oder zusammengefügt hat eine untergeordnete Rolle. Zentral ist vielmehr die Frage nach dem künstlerischen Konzept. Die Realisierung fällt dagegen in den Bereich der technischen Umsetzung. Sie ist nicht zwingend an den Künstler gebunden, um die Kernaussagen des Werkes zu transportieren. Die nicht sichtbaren Teile im Inneren des Werkes dienen dem Antrieb und der technischen Realisation der Herzkurve.

Die meisten dieser Bauteile könnten ersetzt werden ohne den äußeren Eindruck des Werkes zu verändern. Bis zu welchem Grad dies möglich wäre ist eine Frage, die von der jeweiligen Denkrichtung und aktuellen Strömungen im Bereich der Restaurierungsethik unterschiedlich beantwortet werden kann. Sofern die eingesetzten Maßnahmen reversibel sind, entsteht keine dauerhafte Gefahr für das Werk. Unter ethischen Gesichtspunkten sind sie weniger bedenklich als solche, die das Werk unwiederbringlich verändern.

Ein Austausch der beschädigten technischen Elemente ist aus heutiger Sicht ohne jede Beeinträchtigung der äußeren Wirkung des Werkes möglich. Entsprechende Standardersatzbauteile sind heute noch verfügbar. Mit dieser Maßnahme bleibt das Werk technisch sehr nah an seinem Originalzustand, und optisch unverändert. Das heißt, die Integrität des Werkes bleibt gewahrt.

Wichtig ist es dabei, die Laufrichtung der Filmschleife in der vom Künstler vorgesehenen Weise, also von rechts nach links zu beachten. Diese künstlerische Entscheidung hat Einfluss auf die Interpretation des Werkes. Anstatt seinem Ende entgegenzustreben, läuft dieser Herzschlag vermeintlich entgegengesetzt in Richtung seines Ursprungs.

Künstlerisches Material
Neben den technischen Bauteilen spielen auch immaterielle Elemente eine Rolle bei der Konstruktion des Werkes. Der künstlerische Produktionsprozess selbst wird in dem Werk zum Thema. Zumindest soweit es seine Entstehungsgeschichte betrifft. Die Aufzeichnung des Elektrokardiogramms von Marcel Duchamp als Readymade-Portrait und sein Fortbestehen über dessen Tod hinaus ist ein zentrales Grundmotiv des Werkes. Passend dazu wird im Zusammenhang mit dem Werk die Geschichte von der Entstehung der EKG-Aufzeichnung anlässlich eines Abendessens im Hause O’Doherty am 04. April 1966 erzählt. Auch wenn dieser Produktionsschritt technisch basiert ist, bildet vielmehr das Ergebnis, nämlich die aufgezeichneten kardiografischen Daten, die inhaltliche Grundlage des Werkes. Die Anekdote ist so stark mit dem Werk verbunden, dass sie gewissermaßen als Teil des Werkes gesehen werden kann, auch wenn dieser Teil des Werkes in seinem Fortbestand nicht kontrollierbar ist. Als nichtgegenständliches künstlerisches Material entzieht sich die Anekdote zur Entstehung des Portraits dem direkten konservatorischen Zugriff. Daher ist die Dokumentation der Geschichte als Werkbestandteil für die Serie »Portrait of Marcel Duchamp« von besonderer Bedeutung.

Materialexperiment
Ziel eines konservatorischen Versuchs war es, herauszufinden, ob die Herstellung eines Filmes möglich ist, der ähnliche Qualitäten aufweist, wie das im Kunstwerk verwendete Material. Es ging also darum, dunkle Flächen zu erzeugen, die in regelmäßigen Abständen von transparenten Streifen unterbrochen werden. Um im Fotolabor unter Rotlichtbedingungen arbeiten zu können, wurde orthochromatischer Film eingesetzt. Dieser Schwarz-Weiss Film weist durch seine Emulsion, die in im Spektralbereich des roten Lichts nicht sensibilisiert ist, keine Empfindlichkeit in diesem Bereich auf. Damit war es möglich, in der Dunkelkammer die senkrechten transparenten Schlitze zu präparieren, die in der fertigen Filmschleife die gezielte Lichtdurchlässigkeit gewährleisten sollen.

Filmstreifen © 2017 Heike Helfert Rekonstruktion Filmstreifen

Diese Stellen mussten unbelichtet bleiben, damit sie nach der Entwicklung transparent sind. Durch den Einsatz von Aluminiumklebestreifen in exakt bemessener Breite zum Maskieren wurde eine gute Lichtabdeckung erreicht. Die übrigen Stellen des Filmes wurden durch Belichtung und anschließende Entwicklung geschwärzt. Um auf die erforderliche Gesamtlänge von 170,7 cm zu kommen, wurden drei Filmstreifen in derselben Art und Weise hergestellt. Der Film wurde mit einem Vergrößerungsgerät und einer Dauer von vier Sekunden belichtet. Der Einsatz eines Vergrößerungsgerätes hat eine gleichmäßige Lichtverteilung und die präzise Belichtungsdauer ermöglicht. Anschließend wurde der Film mit einem Papierentwickler entwickelt, was einen starken Kontrast begünstigt. Da im Ergebnis nur die Flächen »belichtet« (= schwarz) und »unbelichtet« (= transparent) zählen, kommt diese Eigenschaft des dafür eingesetzten Entwicklers dem gewünschten Ziel entgegen.
Das Ergebnis ist ein Filmstreifen mit tief schwarzen Flächen und transparenten Streifen.



Ausblick
Um einen Dauerbetrieb zu ermöglichen bedarf es eines Remakes des Werkes mit anderen technischen Mitteln. Allerdings gilt es dabei zu bedenken, dass die Konstruktion technisch nie für die Belastung im Dauerbetrieb ausgelegt war. Eine solche Anpassung käme einer Neudefinierung seines Gebrauchswertes gleich. Die Notwendigkeit einer technischen Neukonstruktion kann aber auch entstehen, sobald die fehlenden Ersatzbauteile für Licht und Bewegung nicht mehr verfügbar sind. In diesem Fall wäre eine Umsetzung der Funktionsweise mit digitalen Mitteln denkbar, auch wenn sie den technischen Originalcharakter nicht wiederspiegelt.

Eine technische Neukonstruktion ohne mechanischen Verschleiß ließe sich heute mit Hilfe digitaler Technik realisieren. Möglich wäre eine Lösung mit mehreren kleinen LCD-Monitoren, um die gesamte Fläche der Fenster innerhalb der Wasserwaage abdecken zu können. Dazu benötigt man synchrongesteuerte möglichst randlose Monitore, auf denen eine Animation mit dem wandernden Lichtstreifen abläuft. Die Synchronsteuerung sowie die Bewegtbilder könnten von einem Mediaplayer zugespielt werden. Die Platzierung der Monitore muss so ausgerichtet sein, dass die Ränder der Monitore in den Zwischenräumen der Fenster der Wasserwaage aufeinandertreffen. Um einen möglichst gleichwertigen Lichteindruck zu erzeugen, sollte die Helligkeit der Monitore an die Werte der Originalversion angepasst werden.

Anordnung der Monitore © 2017 Heike Helfert



Eine Simulation des Lichtstreifens mit Hilfe von LCD-Monitoren ist allerdings ein radikaler Schritt, der im technischen Bereich einer Neufassung nahe kommt und eine starke bauliche Abweichung vom Original darstellt. Der äußere Eindruck und die technische Umsetzung geraten dadurch in ein anachronistisches Verhältnis zueinander. Die Integrität des Werkes ist beeinträchtigt.

Dennoch kann eine derartige Maßnahme eine Lösung darstellen, das Werk in seiner Außenwahrnehmbarkeit erfahrbar zu halten und die Rezeptionsmöglichkeit des Werkes zu gewährleisten. Eine Dokumentation der technischen Neuausrichtung und entsprechende Hinweise auf den Eingriff sollten dabei unbedingt Klarheit über den veränderten Originalzustand geben.

Kooperationspartner

© 2017 Heike Helfert